"IM EMPFINDSAMEN STIL"

 

ein barocker Weihnachtsabend mit Musik aus Versailles, Rom, Venedig und dem österreichisch-süddeutschen Raum

Musik von Marc-Antoine Charpentier, Arcangelo Corelli, Georg Friedrich Händel,  Gottfried Finger u. a.

 

„Für den Heiligen Abend gemacht"


Der Titel „Fatto per la notte di Natale“ – für den Heiligen Abend gemacht – zitiert den Beinamen eines Concerto grosso von Arcangelo Corelli und steht stellvertretend für die zahlreichen Weihnachtsmusiken, die im 17. und 18. Jahrhundert in den führenden europäischen Musiknationen komponiert wurden sind. In diesem Weihnachtskonzert erklingen einige dieser musikalischen Kostbarkeiten fernab von Klischee und Kitsch.


Georg Friedrich Händels „Piffaro“, das pastorale Intermezzo aus dem Oratorium „Der Messias“, wird in manchem Zuhörer Erinnerungen an weihnachtliche Stunden hervorrufen. Es symbolisiert die Welt der Schafhirten, des Irdischen und Menschlichen, und fungiert gleichzeitig auch als sanftes Wiegenlied.

Der aus Bologna stammende Giuseppe Antonio Brescianello war Geiger und Komponist und war als Hofkapellmeister am Württembergischen Hof in Stuttgart tätig. Das Trio für Oboe, Violine und Basso continuo repräsentiert den italienischen Stil, der sich durch das Wechselspiel ausdrucksstarker Adagios und virtuos-lebhafter Sätze auszeichnet.

In Frankreich etablierte sich ein eigenes Genre von Weihnachtsmusik – das Noël varié. Dabei wurden traditionelle Weihnachtsgesänge raffiniert instrumentiert und in Variationssätzen verarbeitet. Sie wurden während der Adventzeit und zu Weihnachten in der Christmette gespielt, aber auch bei privaten Konzerten im Rahmen der Weihnachtsfestessen der Pariser Aristokratie aufgeführt.

Marc-Antoine Charpentier
verbrachte seine Studienzeit in Rom, was damals für einen französischen Musiker sehr ungewöhnlich war und brachte italienische Elemente in den französischen Stil ein. Er war u. a. am Hof der Mademoiselle de Guise und bei den Jesuiten tätig. In Versailles verband ihn eine enge Zusammenarbeit mit Molière.
Charpentiers Versionen der Weihnachtslieder zeichnen sich vor allem durch eine besonders verfeinerte Harmonisierung aus.

In zahlreichen Weihnachtsmusiken aus dem österreichisch-süddeutschen Raum  wird das „Urmotiv“ des Wiegenlieds zitiert: die Melodie der Cantion Resonet in laudibus, bekannt auch als „Joseph, lieber Joseph mein“. Auch in der Suitensammlung „Pastorell Kindlwiegen“ erklingt dieses Motiv und wird auf unterschiedliche Weise verarbeitet.

Der Venezianer Antonio Lucio Vivaldi war als Geiger, Komponist, Pädagoge und kurzfristig auch als Priester tätig. Bei der Suonata à Violino, Oboè, et Organo obligati handelt es sich wahrscheinlich um ein Werk, das er für die Mädchen des „Ospedale della Pietà“, einem kirchlich geführten Waisenhaus, verfasst hatte.

Michel Delalande war zunächst Cembalolehrer dreier Prinzessinnen am Hof in Versailles und wurde dann nach dem Tod von Jean-Baptiste Lully der Günstling von Ludwig  XIV. Die „Symphonies de Noëls“ wurden in der königlichen Kapelle am Heiligen Abend aufgeführt; sie begannen nach der Christmette und wurden bis Mitternacht fortgesetzt.


Der Organist, Cembalist und Komponist Claude Balbastre verfügte über angesehene Posten in diversen Kirchen und als Lehrer der Pariser Aristokratie. Zu einer kuriosen Begebenheit kam es 1762, als der Erzbischof von Paris ihn in der Weihnachtszeit mit einem Spielverbot an der Orgel belegte, da es zu tumultartigen Szenen von Seiten des Volkes gekommen war, welches wegen Balbastres Spiel die Kirche nicht für die nachfolgenden Messen räumen wollte.

Seine diversen Anstellungen führten Gottfried Finger u. a. an die Höfe von Kremsier, London, Berlin, Innsbruck und Mannheim. In seiner „Pastoralle“ wird ebenfalls das Lied „Joseph, lieber Joseph mein“ zitiert.

Arcangelo Corellis vielseitiges Werk beeindruckt sowohl mit italienischer Virtuosität als auch mit der gekonnt inszenierten Atmosphäre weihnachtlicher Hirtenklänge im letzten Satz, der „Pastorale“. Wenige Jahre nach seinem Erscheinen wurde dieses Concerto grosso vom deutschen Komponisten Johann Christian Schickhardt für eine kammermusikalische Besetzung arrangiert, die in unserem Konzert erklingen wird.

PROGRAMM:

 
Georg Friedrich Händel (Halle an der Saale, 1685 – London, 1759):
aus „Messias“ HWV 56
Pifa „Larghetto e Mezzo Piano“

Giuseppe Antonio Brescianello (Bologna, um 1690 – Stuttgart, 1758):
Trio für Oboe, Violine und Basso continuo in c-moll
 Largo – Allegro – Adagio – Allegro

Marc-Antoine Charpentier (Paris, 1643 – ebda. 1704):
aus „Noëls pour les instruments“ H. 534
A la venue de Noël
Or nous dites Marie
Les Bourgeois de Chastre

Anonyme Handschrift, Passau 18. Jahrhundert:
Pastorell Kindlwiegen – Pastorella – Versus – Menuet – Pastorella

Antonio Lucio Vivaldi (Venedig, 1678 – Wien, 1741):
Suonata à Violino, Oboè, et Organo obligati RV 779 in C-dur
Andante – Allegro – Largo e Cantabile – Allegro


PAUSE


Michel-Richard Delalande (Paris, 1675 – Versailles, 1726):
aus „Noëls en Trio pour les Flûtes, Violons et Hautbois Premier Livre“
Symphonie – Ou s’en vont ces gays Bergers – Ritournelle lentement –Une jeune pucelle
Claude-Bénigne Balbastre (Dijon, 1727 – Paris, 1799):
aus „Recueil de Noëls“
A la Venue de     Noël
Marc-Antoine Charpentier (Paris, 1643 – ebda. 1704):
aus „Noëls pour les instruments“ H. 534
Ou s’en vont ces gays Bergers

Gottfried Finger (Olmütz, 1660 – Mannheim, 1730):
Pastoralle

Arcangelo Corelli (Fusignano, 1653 – Rom, 1713) und Johann Christian Schickhardt (Braunschweig, um 1681 – Leiden, 1762):
Concerto grosso op. 6 Nr. 8 „Fatto per la notte di Natale“
a 2 Flauti, e Basso continuo trasportato da Gio; Christiano Schickhard
Allegro – Adagio – Vivace – Allegro – Pastorale ad Libitum. Largo